Slang, Modewörter und Jugendsprache – Wie umgangssprachlich sollte oder kann ein Text sein?

 

Darüber diskutieren diesmal (von links): Kathleen Weise, Mona Gabriel, Bettine Reichelt, Susanne Wallbaum und Mirjam Becker

 

Kathleen Weise: Ganze Dialoge oder sogar vollständige Texte in Dialekt finde ich anstrengend, da muss es schon einen sehr guten Grund geben, warum der Autor so schreibt (Heimatautoren, Spracherhaltung). Aber wenn zum Beispiel ein Autor aus Ostdeutschland, dessen Figuren nicht explizit einen westdeutschen Hintergrund haben, Worte wie Plaste, Eierkuchen (statt Pfannkuchen) und Beutel (statt Tüte) verwendet, wird das von mir als Lektorin nicht geändert. Selbst wenn der Text kein Regionaltext ist. Das ist einfach eine sprachliche Eigenheit des Autors.

 

Mona Gabriel: Ich weise Autoren aber schon darauf hin, dass sie sich als „aus dem Osten“ outen, wenn sie ein Wort wie Zweiraumwohnung benutzen oder aller vierzehn Tage irgendetwas tun. Das ist vielen nämlich gar nicht bewusst.   

 

Bettine Reichelt: Oft kommt es vor, dass sich die Herkunftsorte in Herausgaben mischen, gerade im katholischen Bereich. Dann muss man – manchmal auch gemeinsam mit dem Verlag – entscheiden, was vorherrschend sein soll: zu Weihnachten oder an Weihnachten? Es entscheidet meist der Verkaufsraum.

 

Kathleen Weise: In der Tat haben die meisten Verlage eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie ihre Zielgruppen aussehen. Überlegungen zu Verkaufsräumen, Bildungsstand, Alter, Geschlecht etc. werden daher häufig ans Lektorat oder bei Auftragsarbeiten auch an den Autor weitergegeben. Diese haben dann Einfluss auf die Sprache des Textes.

 

„Im spirituellen Bereich ist Slang oft sehr problematisch und wird schnell als entwertend empfunden.“

 

Bettine Reichelt: Zudem sehe ich das Problem, dass man für die eigene Herkunft „blind“ wird. Dann bin ich auf Korrekturen aus dem Verlag oder von Kollegen angewiesen.

Im spirituellen Bereich ist Slang oft sehr problematisch und wird schnell als entwertend empfunden. Ich rate Autoren zumeist von der Verwendung stark populistischer Bibelübersetzungen wie der VolxBibel ab.

 

Persönlich schätze ich es, wenn in Texten ein gewisses Grundniveau gewahrt bleibt. Der Autor sollte sehr genau wissen, wann und warum er damit arbeitet.

 

Mirjam Becker: Ja, genau. Deswegen würde ich die Verwendung von Slang, Regiolekt etc. immer von der Funktion im Text abhängig machen. Wenn eine Figur so spricht, finde ich das absolut richtig, wenn es sie dadurch besser charakterisiert. Aber der Erzähler sollte sich bitte an die Standardsprache halten, sowohl als Abgrenzung zu den Figuren als auch aus Niveaugründen.

 

„Es muss eben gut gemacht sein.“

 

Susanne Wallbaum: Niveaugründe sind natürlich ein weites Feld (über die könnten wir auch mal diskutieren). Für mich ist entscheidend, ob ich hinter der Verwendung solcher Elemente wie Dialekt (landschaftlicher Eigenheiten) oder Slang oder Sprech einer bestimmten Szene ein Konzept erkennen kann und ob es durchgehalten ist.

 

Wie Mirjam sagt: Wird eine Figur durch ihre Art zu sprechen charakterisiert – wunderbar. Man denke nur an Alois Permaneder, der im hanseatischen Hause Buddenbrook erscheint und zur Frau Konsulin sagt: Ja, Himmi Sakrament, werd’ i a Freid ham! Oder wenn, etwas neuzeitlicher, ganze Bücher in so einem besonderen Duktus geschrieben sind wie die Brenner-Krimis (Kultstatus!) von Wolf Haas: ebenso wunderbar. Es muss eben gut gemacht sein.

 

Was dagegen für mich nicht geht, sind deutsche Dialekte in Übersetzungen, wenn also beispielsweise in einem Roman ein schottischer Tischler Wecken zum Frühstück isst oder morgens in die Arbeit geht, nur weil der Übersetzer in Bayern ansässig ist.

 

Mirjam Becker: In der Wollschläger-Übersetzung des Ulysses finde ich es aber geradezu eine geniale Wendung, wie das Geburtskapitel, das ja auch die Geburt der Sprache nachvollzieht, zunächst im Mittelhochdeutschen beginnt und dann im Berliner Dialekt endet. Da funktioniert das hervorragend.

 

Kathleen Weise: Das „Problem“ mit der von Mirjam „geforderten“ Standardsprache besteht allerdings darin, dass diese im Wandel ist. Die alte Rechtschreibung war schließlich auch mal Standard. Wo zieht das Lektorat also die Grenze – und in erster Linie ja der Autor? Und sollte sich besagter Autor (und mit ihm Lektorat und Verlag) davon beeinflussen lassen, dass ihm seine potenziellen Leser möglicherweise nicht folgen können?

 

„Jedes Buch ist doch auch ein Zeitdokument, und dann sollte es eben auch die Zeit dokumentieren.“

 

Mirjam Becker: Also, dieses „Problem“ des Wandels der Standardsprache ist für mich eigentlich keines – zumindest bei Büchern, die in der Jetztzeit spielen. Jedes Buch ist doch auch ein Zeitdokument, und dann sollte es eben auch die Zeit dokumentieren. Schwieriger wird das natürlich in historischen Romanen, da muss sich in erster Linie die Autorin Gedanken darüber machen, welchen Duktus Erzähler und Figuren haben können/sollen/dürfen.

 

Und so sehr hat sich die Standardsprache nun auch wieder nicht geändert, dass Mann (zumal Heinrich oder Klaus), Böll, Reimann, Kant (nicht der Immanuel) oder Morgner nicht mehr zu verstehen sind …

 

Kathleen Weise: Im Kinder- und Jugendbuch ist das allerdings ein häufig (heiß) diskutiertes Thema.

 

Mirjam Becker: Gerade in der Kinder- und Jugendliteratur finde ich es absolut unerträglich, wenn durch angebliche Jugendsprache (die meist die Vorstellung des Autors über die Sprache Jugendlicher spiegelt) suggeriert werden soll, dass der Autor ganz nah dran an der Gefühlswelt Jugendlicher ist, also Authentizität vorspiegelt. Und dann verlangt der Verlag am Ende noch, dass das alles „kindgerecht“ sein soll, was immer das bedeutet (wird ja auch meist nicht definiert, geht wahrscheinlich auch gar nicht).

  

Susanne Wallbaum: Ist das nicht ein Widerspruch? Ich teile die Auffassung, dass jedes Buch nicht zuletzt durch seine Sprache ein Zeitdokument ist, aber gilt das dann nicht auch für Elemente von Jugendsprache und Szene-Sprech?

 

Mir ist wohl bewusst, wie schwer es für (selbst nicht mehr jugendliche) Autoren ist, den Ton Jugendlicher zu treffen. Die Trends wechseln so schnell. Aber eine Spur vom Geist der Zeit müsste doch bleiben, auch wenn Alter, und ich so: chill mal, der hat das (z. B. das Buch) so gefeiert usw. bei Erscheinen des Textes schon wieder out sind. Oder überout.

 

Sicher, zu dick aufgetragen nervt so was, aber eine Prise lebendiger Sprache, vor allem in Dialogen, finde ich schon wünschenswert. Und damit suggeriert der Autor nicht zwangsläufig, dass er nahe dran ist an der Gefühlswelt Jugendlicher; vielleicht zeigt er nur, dass er ihnen aufs Maul schaut. An ihrer Gefühlswelt lässt es sich auch in bester Standardsprache gut vorbeischreiben.  

 

Mona Gabriel: Beim Thema Jugendsprache kommt es meiner Meinung nach ganz darauf an, was der Verlag oder der Autor mit dem Buch wollen. Wenn die Zielgruppe jünger ist, darf da auch mal was stehenbleiben, was mir selbst nicht schmeckt.

 

Mein Lieblingsbeispiel dafür: Wenn eine Frau den Mann ihrer Träume datet – das finde ich selbst zwar blöd und würde niemals so reden oder schreiben. Für andere hört es sich aber authentisch an. Dass das dann in zehn Jahren vielleicht völlig absurd klingt, ist wieder ein ganz anderes Thema.

 

Kathleen Weise: Das sehe ich ein bisschen anders. Mein Lieblingsbeispiel ist das Wort checken, wenn es um E-Mails geht. Es wird von mir allerdings immer geändert, egal wie authentisch es auf den ersten Blick wirkt. Worte wie lesen oder prüfen sind zeitunabhängig und trotzdem für jeden Leser verständlich. Ihnen fehlt zwar die „street credibility“, dafür werden sie jedoch nie veraltet wirken, weil es eben keine Modewörter sind und letzten Endes die Figur genau das tut: Sie liest ihre E-Mails.

 

„Manche setzen Staub an – aus gutem Grund wird der eine oder andere Klassiker immer wieder neu übersetzt –, manche hören irgendwie nicht auf zu glänzen.“

 

Susanne Wallbaum: Standardsprache verändert sich eben doch. Die Texte – auch weitaus ältere als die von Klaus Mann oder Brigitte Reimann – sind nach wie vor zu verstehen, keine Frage, aber sie klingen anders, evozieren andere Welten. Manche setzen Staub an – aus gutem Grund wird der eine oder andere Klassiker immer wieder neu übersetzt –, manche hören irgendwie nicht auf zu glänzen.

 

Bettine Reichelt: Aber sie werden dennoch schwerer verstehbar und müssen teilweise neu „übersetzt“ werden. Die Bilder wandeln sich und damit die Assoziationen – und das betrifft nicht nur alte mythologische Texte, sondern auch Autoren wie Wilhelm Raabe. Sie werden meiner Meinung nach deshalb nicht mehr gelesen, weil ihre Zeitbezüge heute nicht mehr ankommen, obwohl er in der Hochsprache schreibt.

 

Mirjam Becker: Nein, das finde ich überhaupt keinen Widerspruch, und die Gründe sagst du selbst schon, Susanne. Auf der einen Seite haben wir Texte, die eine je eigene Welt evozieren, auch heute noch gut zu verstehen sind und gar nicht einzustauben scheinen – sie sind zwar Zeitdokumente, aber mit zeitlosem Charakter.

 

Auf der anderen Seite finden sich Texte, die mehr als nur eine Prise lebendiger Sprache enthalten, die empfinden wir fast schon als überout in ihrem Zuviel an Authentizität. Ob etwas Kultstatus verdient oder nervt, können wir nur vage benennen: das „funktioniert“, ist „gut gemacht“ oder „wahrt ein Grundniveau“. Aber wer bestimmt das „rechte Maß“? Und reduzieren wir das Thema dann nicht auf bloße Geschmacksfragen?

 

Bettine Reichelt: Das Problem stellt sich vielleicht stärker bei den Autoren der eigenen Sprache und auch nur in einem bestimmten Zeitabschnitt. Luthertexte muss man ins Neuhochdeutsche übertragen, weil das Original kaum einer versteht. Und er hat ja zu seiner Zeit „den Leuten aufs Maul geschaut“, wie er sagte. Übersetzungen werden ohnehin dem Sprachgebrauch angepasst.

 

Entsteht der „Kultstatus“ nicht durch eine Mischung aus Werbung und Gebrauch? Ich glaube nicht, dass man als Lektor darauf wirklich einen Einfluss hat.

 

„Als Lektor muss man da flexibel bleiben und auch die eigenen Vorlieben und Abneigungen immer wieder kritisch prüfen.“

 

Mona Gabriel: Das „Niveau“ ist ja auch in jedem Genre anders. In einem modernen Liebesroman erwarten die Leser durchaus einen entspannteren Umgang mit Anglizismen oder Modewörtern als in der E-Literatur. Als Lektor muss man da flexibel bleiben und auch die eigenen Vorlieben und Abneigungen immer wieder kritisch prüfen.

 

Schwierig wird es nach meiner Erfahrung immer dann, wenn Autor und Lektor ein völlig unterschiedliches Sprachempfinden haben. Dann wirkt das Ganze am Ende eher uneinheitlich und gestückelt – was die Leser dann mit Recht nervt. Wenn hingegen eine bestimmte Haltung zur Sprache das ganze Buch prägt – was ich richtig finde –, dann wird es immer trotzdem Leser geben, denen genau das nicht gefällt. Aber das ist dann eben wirklich Geschmackssache.

 

Susanne Wallbaum: Ich finde es spannend, wie schnell wir bei der Frage nach dem Einsatz bestimmter Stilmittel bei Kategorien wie Niveau oder Geschmack ankommen. Kultstatus ist zugegebenermaßen ein ungenauer oder womöglich nichtssagender Begriff; was ich damit meinte, war: Es gibt eine Fangemeinde; viele, viele LeserInnen, die genau diesen Kniff – diese besondere Sprache, die eine ganze Figur lebendig werden lässt – lieben und immer schon auf das nächste Buch lauern. Und natürlich ist das letztlich eine Frage des Geschmacks.

 

Ich glaube, „das rechte Maß“ lässt sich eben nicht generell bestimmen, sondern, wie Mona sagt, der Autor sollte eine Vorstellung davon haben, in welchem Genre er sich bewegt (bewegen möchte), und Autor und Lektor müssen einander in ihrem Sprachempfinden verstehen.

 

Dabei kann Zeitgeistiges herauskommen, das unweigerlich Staub ansetzen wird, oder vielleicht „Zeitloses“; wichtig scheint mir, dass wir uns der jeweiligen sprachlichen Mittel bewusst sind und darauf achten, dass sie innerhalb eines Textes durchgehend und schlüssig verwendet werden. Und dann, dass sich Leser finden, im besten Fall eine Fangemeinde.

 

Die Textwache diskutiert ... im Oktober 2016
Die Mitglieder der Textwache diskutieren[...]
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