»Die Rollen von Männern und Frauen in der Gesellschaft – gehören Genderklischees in die literarische Mottenkiste?«

 

 

Ob Gendern in der Sprache oder Frauenquote im Bundestag – alle reden über das Verhältnis von Frauen und Männern zueinander. Aber wie sieht es eigentlich in der Literatur aus? In vielen Genres dominieren bis heute Klischees und vorgegebene Geschlechterrollen. Die Leser wollen zwar einerseits überrascht werden, tun sich andererseits aber schwer, wenn ihre Erwartungen nicht erfüllt werden. Oder? Haben Autoren nicht auch die Verpflichtung, neue moderne Rollen für Männer und Frauen zu thematisieren?

Obwohl – oder gerade weil? – die Textwache zu 100 Prozent aus Frauen besteht, gehen die Meinungen hierzu auseinander …

 

 

Mona Gabriel: Leserinnen von Liebesromanen (es sind zu 95 Prozent Frauen) erwarten natürlich, dass bestimmte Vorstellungen bedient werden. Dazu gehört neben dem obligatorischen Happy End leider auch, dass die Männer meist gesellschaftlich bessergestellt sind und mehr verdienen als die Frauen. Das finde ich persönlich teilweise schon fragwürdig. Zumal es inzwischen auch Autorinnen gibt, die sich dieser Rollenaufteilung widersetzen. Diese findet man dann aber nicht bei großen Verlagen, sondern hauptsächlich im Self-Publishing.

 

Kathleen Weise: Du meinst ja den unterhaltenden Liebesroman, früher auch gern liebevoll als »Schmonzette« bezeichnet. Die kamen damals eben mit ihrem Highlander oder Doktor auf dem Cover daher, heute sind das Vampire, Sportler und Millionäre. Es wäre meines Erachtens vergebliche Liebesmüh, die Erwartungshaltung der Leser dieser Romane ändern zu wollen, weil sie sich in den letzten hundert Jahren nicht geändert haben. Diese Art Romane erfüllen ein ganz bestimmtes Bedürfnis bei Lesern, und das ist auch völlig in Ordnung.

 

Monika Rohde: Ich lese im Sommer gern diese sogenannte Frauenliteratur und stelle dabei fest, dass es immer mehr Romane und Autorinnen gibt, die anders schreiben als früher, die eben nicht nur auf den Liebesroman abzählen, sondern die Geschichten von starken und manchmal frechen Frauen erzählen, die so erzählen können, dass man auch dabei träumt. Aber ohne dass ein Mann der Starke ist, sondern die Frauen stehen im Vordergrund, ihre Geschichte ist das Wichtigste. Mal stehen sie ohne Mann da, mal verlieben sie sich in einen schwachen Mann, aber die Liebesgeschichte ist nur ein sehr minimaler Teil des Buches, es geht mehr um die Entwicklung der Frau, um ihr Leben. Und das hat sich über die Jahre so hinentwickelt.

Vor zehn Jahren gab es noch weniger dieser Bücher, die langsam häufiger kommen. Es gibt immer mehr Bücher mit starken Frauen, die ihren Weg gehen, teils sogar ohne Mann, teils mit sehr viel schwächeren Männern, teils mit gleich starken. Diese Bücher erscheinen in großen Verlagen, sei es Fischer, List, Knaur etc. Meine Lieblingsautorin in dem Bereich hat angefangen als Selfpublisherin und ist dann von Fischer übernommen worden.

 

Kathleen Weise: Ich glaube, wir reden hier von zwei unterschiedlichen Genren bzw. Untergenren (so wie Verlage das unterscheiden): dem unterhaltenden Liebesroman (z.B. »Fifty Shades of Grey«) und dem unterhaltenden Frauenroman (z.B. »Die Mütter-Mafia«). Das ist nicht dasselbe und hat auch nicht zwangsläufig dasselbe Zielpublikum. Bei Ersterem steht ganz klar die Liebesgeschichte im Vordergrund, bei Zweiterem die Entwicklung der Frau (häufig spielen da auch Themen wie Freundschaft, Karriere, Kinder etc. eine Rolle).

 

Bettine Reichelt: Interessant ist, dass die frühen Liebesromane von Marlitt oder Hedwig Courths-Mahler (dem Inbegriff der »Schmonzette«) gerade nicht diesem Klischee entsprechen. In gewisser Weise waren sie »Protestromane«, die zwar das Klischee des guten Endes bedienten, zugleich aber auch berufstätige und finanziell selbstständige Frauen zu Heldinnen machten – auch wenn am Ende die Frau mit ihrem Lebensschiff im ersehnten Hafen der Ehe ankert.

 

Kathleen Weise: Woran liegt es aber, dass sich in manchen Genren so wenig bewegt? Das ist ein bisschen wie die Frage nach Huhn und Ei und was davon zuerst da war. Die Erwartungshaltung (und damit das Bedürfnis) des Lesers oder das Angebot des Verlages, das dann wiederum die Erwartungshaltung geprägt hat? Mit anderen Worten: Würden die Leser auch andere Bücher (ohne die bekannten Rollenklischees) lesen, wenn es sie denn vermehrt gäbe?

 

Susanne Wallbaum: Braucht es vielleicht einfach etwas Zeit? Bis die Genderdiskussionen, Me-too-Geschichten, Fragen nach Gleichheit oder Verschiedenheit, nach Macht und Ausgeliefertsein sich in der Literatur niederschlagen und andere Figuren, Konstellationen, Spannungsbögen hervorbringen? Vielleicht ändern sich Rollenklischees doch? Dann würde auch die Rechnung bei den Verlagen aufgehen.

 

Mona Gabriel: Im Jugendbuch gibt es viele Bücher mit weiblicher Heldin – Mädchen lesen noch immer mehr als Jungen und verlangen nach Identifikationsfiguren. Meine 20-jährige Tochter sagt aber, dass es sie nervt, dass es in fast jeder Geschichte um junge Mädchen oder Frauen geht und auch eine Liebesgeschichte gibt. Als ob Geschichten ohne diesen Anteil nicht funktionieren würden!

 

Kathleen Weise: Das sehe ich genauso kritisch wie du. Im Kinder- und Jugendbuch ist die Diskussion um Klischees besonders schwierig, weil sie bis zu einem gewissen Grad auch gebraucht werden. Mädchen fühlen sich nun mal häufig von Glitzerdingen und sozialen Themen angesprochen. Soll man ihnen das rosa Cover also verweigern, wenn es ihnen doch gefällt? Muss nun in jeder Geschichte die agierende Gruppe aus Kindern aus gleichermaßen Jungs und Mädchen bestehen, wenn bis zu einem bestimmten Alter in Wirklichkeit meistens (nicht immer) reine Mädchen- und reine Jungsgruppen existieren, weil die das andere Geschlecht noch »doof« finden?

 

Mirjam Becker: Nein, verweigern würde ich ihnen das rosa Cover natürlich nicht, es sollte aber auch genug Alternativen geben. In meiner Jugend, und die ist schon ziemlich lange her, haben mich z.B. Pferde- und Jungs-hinterherschwärm-Geschichten nie interessiert, ich konnte aber in den Büchern von Astrid Lindgren (die ungebrochen bis heute eifrig gelesen wird – soweit ich weiß, sogar von Jungs!), aber auch bei Enid Blyton etliche weibliche Heldinnen und (manchmal sogar nicht) gemischte Gruppen auch mal ohne Liebesgeschichte finden. Die waren zwar selten, aber durchaus vorhanden. Ist das heute anders?

 

Mona Gabriel: Selbst Superheldinnen im Fantasy sind ohne Love-Interest offenbar nicht vollständig. Umgekehrt hingegen braucht längst nicht jeder Thriller mit einem männlichen Protagonisten eine Liebesgeschichte. Da sollten Verlage ruhig mehr wagen und auch mal andere Geschichten über Frauen erzählen. Die vielen verschiedenen Lebensentwürfe von Frauen sehe ich in der Literatur nur unvollständig und einseitig abgebildet.

 

Susanne Wallbaum: Auch hier würde ich hoffen, dass sich das mit der Zeit ändert. In meiner Wahrnehmung haben die nachwachsenden Leser*innen (und das schreibe ich bewusst so, weil ich sehe, dass Um-die-zwanzig-Jährige das Althergebrachte und Gängige gern über Bord werfen) selbst vielfach andere Lebensentwürfe, setzen andere Schwerpunkte – und wollen dann auch andere Geschichten lesen (bzw. schreiben).

 

Kathleen Weise: Mit den »nachwachsenden« Leser*innen kommen ja auch die nachwachsenden Autor*innen, Lektor*innen und Programmleiter*innen. Neue Generationen bringen immer einen gewissen Wandel mit sich, Texte werden sich zwangsläufig ändern, sowohl inhaltlich als auch formal.

 

Hannelore Crostewitz: Das Genderproblem ist eben nicht nur im echten Leben, sondern auch in Büchern ein verzwicktes. Was mich auf die Frage bringt, ob ich in der Literatur, die ich bevorzugt lese, das Geschlechtsspezifische und die damit einhergehende Rolle eigentlich erwarte.

Nein, durchaus nicht, antwortet es in mir. Und weshalb ich als Autorin nicht offensiver gegen die Geschlechterrolle anschreibe, weiß ich gar nicht. Ein wenig tue ich es schon, bediene mich dann aber meist der Satire oder zumindest der Ironie. Das müsste doch auch ohne solche Mittel gehen, meine ich nun, nachdem mir das bewusster wird. Doch die neu orientierenden Familien von heute sich im Roman voller Selbstverständlichkeit bewegen zu lassen, gelingt schwer.

Mag es nun daran liegen, dass man nicht tief genug in die kleinsten Zellen der Gesellschaft hineinsehen kann (in der Fantasie ist freilich alles möglich), oder daran, dass die Zeit wirklich noch nicht reif genug dafür ist, diese Problematik detailliert abzubilden und auszuloten …

 

Bettine Reichelt: Ich verstehe nicht, warum es ein Gegeneinander sein muss. Kann man nicht (auch in der Literatur) mit Freude Frau und Mutter sein, ohne dass man zwingend hinterwäldlerisch oder ein Dummchen sein muss? Sigrid Undset erhielt 1928 den Literaturnobelpreis für »Kristin Lavranstochter«, den Roman um eine Frau, die das Leben einer Frau lebte – und sich dennoch keinem Klischee unterordnete.

Mir ist in der Genderdebatte nicht klar, welches Ziel eigentlich verfolgt wird. Ist es mittlerweile eher schädigend, wenn man als Frau gern Mutter ist, gern arbeitet – und das nicht als ein Leben gegen den Mann versteht, sondern mit ihm, egal, wie nah er nun gerade dem Leben der Frau steht?

Kathleen Weise: Was ist also nun die Antwort auf die Frage, ob die Literatur die Genderklischees brechen muss? Für mich ist die Antwort klar: Literatur muss erst einmal gar nichts – genau wie jede Kunst. Jeder Autor ist eigenverantwortlich dafür, welchen Anspruch er an seine Arbeit hat. Gute Autoren werden sich immer mit den Problemen ihrer Zeit auseinandersetzen, also auch mit der Frage nach Genderklischees. Das heißt nicht, dass ein Text, der versucht, etwas zu bewirken, jedes Mal gelungen ist. Im besten Fall schlägt er jedoch eine Brücke zwischen Bedürfnissen, die tatsächlich mit den Geschlechtern daherkommen, und den anerzogenen Erwartungshaltungen, die so häufig in die gefährliche Hierarchie der Geschlechter führen und deren Überwindung wünschenswert wäre.

 

 

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