»Warum brechen Leser Bücher ab?«

 

Ein neues Buch – geschenkt oder selbst gekauft – weckt Freude und Erwartung. Der Leser möchte sich einfangen lassen vom Inhalt, der Spannung, der fremden Welt oder vom sprachlich versierten Autor. Doch nicht immer kann das Buch halten, was es verspricht. Was macht ein gutes Buch aus, dass der Leser es »verschlingt«? Was sind die Kriterien, es zur Seite zu legen und nicht mehr zu Ende zu lesen? Zu denken: Das Buch und ich, wir passen nicht zusammen, seine Sprache ist nicht die meine, warum gibt es keinen Dolmetscher oder warum sonst sind wir uns fremd?

 

Darüber diskutieren im Dezember (v.l.): Hannelore Crostewitz, Annette Jünger, Mona Gabriel, Susanne Wallbaum, Monika Rohde, Mirjam Becker, Kathleen Weise und Dr. Grit Zacharias

 

Hannelore Crostewitz: Ich entschied mich zum Beispiel mal für ein Buch, weil der Titel vielversprechend klang und es auch dementsprechend beworben wurde. Doch schon nach den ersten Seiten merkte ich: Das holpert im Text, ist überhaupt nicht ausgegoren, das hätte mindestens noch eines Lektoratsdurchgangs bedurft. Ich war so enttäuscht! Fragte mich, wie kann ein renommierter Verlag das durchgehen lassen – und legte es (nachdem ich mich durch etwa hundert Seiten gequält hatte) ein für alle Mal weg.

Mein Richtmaß bezieht sich meist auf ein schlüssiges Nachvollziehen-Können, auf gute Figuren und auf ein mich berührendes Thema, das gekonnt in einem Spannungsbogen steckt.

 

»Dann hat mich der Text nicht berührt – und offenbar bin ich als Zielgruppe nicht gemeint.«

 

Mona Gabriel: Damit mich ein Buch fesselt, müssen mich die Figuren berühren. Der Text muss ein Thema haben, das mich grundsätzlich interessiert, mit Menschen, die mich »an sich heranlassen«. Wenn es dann noch sprachlich ansprechend ist – umso besser.

Mir ist es schon oft passiert, dass ich die Aufregung um einen Bestseller überhaupt nicht verstanden habe. Wenn ich auf Seite 50 noch immer die Figuren verwechsle oder der Autor sich in erschöpfenden philosophischen Diskursen ergeht, dann lege ich das Buch genervt weg. Und das passiert durchaus auch bei Titeln, die hochgelobt und/oder viel verkauft wurden. Dann hat mich der Text nicht berührt – und offenbar bin ich als Zielgruppe nicht gemeint.

 

Kathleen Weise: Also wäre für dich ein Kriterium für ein gutes Buch, dass es seine Zielgruppe gut kennt und darauf zugeschnitten ist? Das macht es meines Erachtens in erster Linie (im besten Falle) zu einem erfolgreichen Buch, aber auch zu einem guten?

Natürlich lautet die oben gestellte Frage, warum Leser manche Bücher abbrechen, andere hingegen nicht. Dementsprechend hätte das Kriterium Zielgruppenkenntnis Gültigkeit.

 

Mona Gabriel: Das ist mir zu eindimensional. Klar kann man die Zielgruppe als Autor kennen, das heißt aber noch lange nicht, dass der Text dann so geschrieben ist, dass mich als Leser die Figuren berühren. Prominentes Beispiel dafür: »Unterwerfung« von Houellebecq. Das Thema interessierte mich durchaus und ich fand auch das Gedankenexperiment interessant. Trotzdem hab ich bis zur Mitte die Figuren verwechselt und das Buch schließlich weggelegt.

 

Annette Jünger: Lesen muss ein Fest sein. Und dies muss mit den ersten Sätzen beginnen. Sie müssen mich in den Bann ziehen, mich überzeugen, mich neugierig machen auf mehr. Sie müssen mich animieren zum Weiterlesen, ich will mich darauf freuen können und oft daran denken – das ist der Idealfall, dann lege ich das Buch nicht mehr weg und unterbreche nur widerwillig.

 

Susanne Wallbaum: Das Gefühl, ein Buch nicht mehr weglegen zu wollen (mir wohlbekannt), habe ich vor ein paar Tagen wunderbar aus Autorensicht gespiegelt gefunden: Rafik Schami sagte in einem in der LVZ publizierten Interview: »Literatur muss uns entführen, nach Bagdad, Peking oder New York. Und es wäre schade, wenn jemand bei der Lektüre aufwacht und nicht weiter mit mir mitgeht auf den Markt, weil ich das schlecht beschreibe. Er muss auf einer Rutsche sitzen und sich nicht mehr halten können.«

 

Grit Zacharias: Oh, genau das ist es! Wenn man tagsüber an sein Buch, an seine Protagonisten denkt, den Moment herbeisehnt, an dem man endlich weiterlesen kann. Wenn man sich im Buch zu Hause fühlt, endlich wieder dabei sein will. Mit zunehmendem Alter lege ich Bücher, die dieses Gefühl nicht auslösen, wieder beiseite und lese sie nicht fertig, während ich in jüngeren Jahren nahezu jedes einmal begonnene Buch auch zu Ende las.

 

»Dagegen können Texte, die mir zunächst sperriger erschienen, in die ich mich ›eingewöhnen‹ musste, bleibende Eindrücke hinterlassen.«

 

Susanne Wallbaum: Mit zunehmendem Alter stelle ich allerdings auch fest, dass von manchen Büchern, die ich verschlungen habe (mit denen ich durchaus eine gute Zeit hatte und gut unterhalten war), nichts bleibt. Dagegen können Texte, die mir zunächst sperriger erschienen, in die ich mich »eingewöhnen« musste, bleibende Eindrücke hinterlassen: eine Figur, die man in ihrer Eigenart nicht vergisst; eine Szene, die einen berührt hat; ein Spruch, eine Redensart, die man sich zu eigen macht – was auch immer.

 

Annette Jünger: Zugegebenermaßen komme ich selten in die Verlegenheit, ein Buch abzubrechen. Das mag daran liegen, dass ich mir nur Bücher kaufe oder ausleihe, von denen ich glaube, dass sie mich bereichern, mir einen neuen Blick auf die Welt eröffnen, mir Überraschungen schenken – vor allem aber mich sprachlich begeistern und zum Staunen bringen (Houellebecq spricht von »Schönheit des Stils« und »Musikalität der Sätze«).

 

Kathleen Weise: Das ist auch ein Punkt: Nicht nur der Autor kennt seine Zielgruppe, auch der Leser selbst kennt seinen Geschmack.

 

Grit Zacharias: … und der wird mit jedem Jahr und jedem gelesenen Buch vielleicht auch immer besser. Auf der anderen Seite verändert sich der persönliche Lese-Geschmack natürlich immer wieder.

 

»[...] Bücher haben ihre Zeit. Manche müssen erst warten, bis ihre Zeit gekommen ist, für andere ist die Zeit bereits abgelaufen [...]«

 

Annette Jünger: Es ist dennoch vorgekommen, dass ich Bücher geschenkt bekam, die ich nach kurzem Reinlesen wieder weglegte. Vielleicht ein Roman, der mich langweilte, ein Ratgeber, der Altbekanntes in Superlativ-Werbesprache verpackte (was mich in der Regel sofort abstößt), oder allgemein ein Genre, für das ich keine Muße aufbringen konnte, jedenfalls nicht zu der Zeit.

Denn Bücher haben ihre Zeit. Manche müssen erst warten, bis ihre Zeit gekommen ist, für andere ist die Zeit bereits abgelaufen – je nach persönlichem Kontext. Habe ich in der Zeit meines Literaturwissenschaftsstudiums die Klassiker reihenweise verschlungen, hätte ich heute wahrscheinlich Mühe damit und würde so manches Buch wieder ins Regal zurückstellen. Das liegt nicht daran, dass sie mir/uns nichts mehr zu sagen hätten, sondern (u.a.) an einer Sprache, die sich von der heutigen mit jedem Jahrzehnt entfernt. Darauf müsste man sich (neu) einlassen, einlassen wollen und einlassen können – zeitlich und mental. Und das fällt nicht ganz leicht in unserem vollgepackten Alltag.

 

Hannelore Crostewitz: Der Faktor Zeit, den du erwähnst, ist wichtig, desto mehr bewundere ich so manches alte oder klassische Buch, das noch immer seine Gültigkeit und Faszination behalten hat, sei es, weil der Plot gut durchdacht ist oder einem die Figuren sehr nahegebracht werden und alles nachvollziehbar ist, oder sei es auch um das Fremde, was darin steckt und anzieht.

 

Kathleen Weise: Aber weder für den Faktor Zeit noch für den Geschmack des Lesers ist der Autor verantwortlich, das sind Dinge, auf die er keinen Einfluss hat.

Anders sieht es zum Beispiel mit dem Überraschungsmoment aus. Ich glaube, Leser wollen häufig einfach überrascht werden (gerade wenn sie Vielleser in einem bestimmten Genre sind). Kennt der Autor seine Zielgruppe und Genreeigenheiten, kann er entweder darauf eingehen oder sie gerade umgehen. Überraschende Wendungen, Beobachtungen, Formulierungen können den Leser in den Text ziehen (vorausgesetzt, sie stoßen ihn nicht vor den Kopf, aber auch das kann ja gewünscht sein).

 

»Aber wenn der Autor von oben herab eine Szene beschreibt, das heißt, er draußen steht und die Geschichte drinnen spielt, [...] kann ich nicht eintauchen [...]«

 

Monika Rohde: Natürlich möchte ich von einer Geschichte in den Text gezogen werden, in die Geschichte eintauchen. Aber wenn der Autor von oben herab eine Szene beschreibt, das heißt, er draußen steht und die Geschichte drinnen spielt, wie ich es nenne, kann ich nicht eintauchen und lege häufig frustriert das Buch zur Seite. Dann ist der Autor nicht direkt am Geschehen, sondern beschreibt eher eine Szene, als dabei zu sein. Selbst Monologe können spannend sein, wenn der Autor direkt dabei ist.

Ich versuche es zwar später oft noch einmal, aber meist klappt auch der zweite Versuch, mich in den Text zu ziehen, nicht, und dann lege ich das Buch weg.

Gerade wenn ich wenig Zeit zum Lesen habe, brauche ich Geschichten, in die ich eintauchen kann. Dabei ist es egal, zu welchem Genre oder Bereich das Buch gehört.

 

Annette Jünger: Es gibt ein Kriterium, weswegen meine Leselust sofort gedämpft (oder gar abgewürgt) würde: wenn der Text (zu) viele Fehler enthielte (besonders orthografische, aber auch grammatische). Bei schon gedruckten Büchern, die mir hier und da in meinem Arbeitsalltag begegnen, bereitet es mir jedes Mal Schmerzen, wenn ich diese mitlesen muss. Und jedes Mal frage ich mich, warum hier dermaßen sorglos und oberflächlich gearbeitet und warum ein solcher Qualitätsverlust in Kauf genommen wurde. Wenn die Verantwortlichen (ob Verlage oder Autoren selbst) wüssten, was eine solche Nachlässigkeit für eine Wirkung hat, würden sie staunen, und es wäre wünschenswert, wenn sie daraus lernten. Glücklicherweise trifft das auf meinen privaten Buchbereich so gut wie nicht zu – es wäre das »Todesurteil« für jedes Buch.

 

Hannelore Crostewitz: Außerdem dürfen auch Bilder nicht schief sein; neulich hatte ich gelesen »er war abgebrüht wie ein Teebeutel«, was so unpassend war, dass es mir den weiteren Lesespaß sehr geschmälert hat.

 

Mona Gabriel: Besonders ärgerlich ist eine hohe Fehlerquote bei Sachtexten. Da ist sofort die Glaubwürdigkeit des Autors futsch, da kann er noch so überzeugende Argumente haben. Wer sich nicht mal die Zeit nimmt, seinen Text sorgfältig zu überarbeiten, dem glaube ich prinzipiell nichts mehr. Das ist vielleicht ein bisschen radikal, aber diese Abwehrhaltung ist bei mir vorprogrammiert.

 

Monika Rohde: Da kann ich dir nur recht geben. Das passiert mir vor allem bei Themen, mit denen ich mich sehr stark auseinandergesetzt habe. Aber nicht nur die »normalen« Fehler stören mich, sondern auch, wenn in einem Sachtext plötzlich subjektive Einschätzungen stehen, die die Zeitebene völlig außer Acht lassen. Beispielsweise wenn heute etwas subjektiv negativ beurteilt wird, was in den 1920er-Jahren erschienen ist, ohne den Zeitfaktor zu berücksichtigen.

 

Kathleen Weise: Halten wir also fest: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Leser ein Buch als spannend empfindet und nicht zur Seite legt, erhöht sich, wenn das Buch

a.) zur richtigen Zeit kommt (das betrifft zum Beispiel auch das Thema Zeitgeist),

b.) den Lesergeschmack trifft (nicht nur inhaltlich, auch stilistisch),

c.) dicht an seinen Figuren, somit glaubwürdig ist,

d.) möglichst fehlerfrei geschrieben ist und

e.) Überraschungselemente enthält.

Was noch?

 

Mirjam Becker: Ich habe, glaube ich, teilweise ganz andere Kriterien. Warum lege ich ein Buch weg?

1.) Es ist langweilig geschrieben. Das hat weniger mit dem Thema zu tun, sondern mit dem Stil. Zum Beispiel konnte ich Dreisers »Finanzier« nicht zu Ende lesen, weil ich es dermaßen dröge geschrieben fand, dass ich nur widerwillig weiterlas und jedes Mal nach zwei Seiten einschlief.

2.) Zu viele Figuren. Wenn Figuren nach etlichen Seiten erneut auftauchen, ich mich nicht erinnern kann, wer das war, Zurückblättern erfolglos ist, der Autor mir auch mit keinem Nebensatz weiterhilft, die Figur für den Fortgang der Geschichte aber wichtig ist, verwirrt und nervt mich das.

3.) Unlogischer oder unvollständiger Plot. Das ist vor allem in Krimis ein Ärgernis, wenn zum Beispiel auf einmal Beweise wichtig werden, deren Herkunft nicht erklärt wurde.

4.) Zu simpler Plot. Wenn die Geschichte altbekannten Klischees folgt, keine überraschenden Wendungen hat, ich den Fortgang der Geschichte erahne und auch noch recht behalte, langweilt mich das.

5.) Ich finde alle Hauptfiguren unsympathisch. Mindestens eine Identifikationsfigur, mit der ich mitfiebern kann, brauche ich. Großartig ist ein Buch, wenn ich die Handlungen einer Figur zwar dumm finde, aber nachvollziehen kann, wenn ich in die Gedankenwelt der Figur eintauchen kann und sie zu verstehen beginne (dann darf sie auch unsympathisch sein), oder wenn die Figur eine Entwicklung durchmacht, etwas über sich selbst, die Welt oder was auch immer lernt.

 

Grit Zacharias: Ja, auch ich lege Bücher vor allem dann wieder weg, wenn sie mich ganz einfach langweilen. Das merke ich oft schon auf den ersten Seiten. Dann gebe ich dem Autor zwar noch ein paar Seiten – neulich las ich ein Buch sogar bis zur Hälfte, obwohl ich den Inhalt als nichtssagend und die Sprache als zu schlicht / fast beleidigend empfand, nur weil ich es zweimal geschenkt bekommen hatte und dachte, da müsse doch was gehen, mit mir und dem Buch. Aber da ging einfach nichts.

Hingegen hat ein Buch, in dem mir bereits auf den ersten Seiten Sätze und Gedanken begegnen, die ich mir am liebsten alle einzeln rausschreiben möchte (was ich häufig wirklich tue), weil sie mich schlichtweg ergreifen und ich sie später noch mal nachlesen möchte, auch dann gute Chancen aufs Zu-Ende-gelesen-Werden, wenn ich inhaltlich vielleicht noch nicht ganz folgen kann, ich noch nicht genau weiß, wo die Reise hingehen soll. In solchen Fällen vertraue ich dem Autor einfach und liege damit auch meistens richtig.

 

»Interessant wäre ein Genrevergleich.«

 

Kathleen Weise: Interessant wäre ein Genrevergleich. Ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Buch abgebrochen wird, im Krimi-Genre niedriger, weil der Spannungsbogen sowieso immer mit einem Rätsel arbeitet und es in der Natur des Menschen liegt, solche Rätsel lösen zu wollen? Der Leser will also wissen, wer war’s und warum hat er’s getan? Und deshalb wird er auch zu Ende lesen, ganz gleich, wie das Buch ist?

 

Grit Zacharias: Das würde ja implizieren, dass Krimis per se schlechter geschrieben sein dürfen als Bücher anderer Genres, weil sie, wenn sie einmal den Weg zum Leser gefunden haben, in jedem Fall auch beendet werden. Das glaube ich nicht. Ich selbst bin zwar kein Krimi-Leser, schaue mir aber auch nicht jeden »Tatort« bis zum Ende an, wenn mir der Plot zu abstrus erscheint, die Figuren zu unglaubwürdig agieren. In solchen Fällen erlischt bei mir ganz einfach das Interesse an der Tätersuche.

 

Mona Gabriel: Rätsel sind natürlich immer gut, um Leser zu binden. Ob das in einem Krimi ist oder ob die Figur ein eher persönliches Rätsel lösen muss, ist mir dabei ziemlich egal. Wenn mich die Figur interessiert, dann will ich auch ihr Rätsel lösen!

 

Monika Rohde: Da möchte ich Mona recht geben. Auch im Liebesroman möchte ich wissen, wie eine Geschichte ausgeht. Krimis lese ich schon länger nicht mehr, da sie mir zu brutal geworden sind und ich das nicht mag. Das fängt oft schon bei der Sprache an, und ich entdecke bereits beim ersten Reinblättern Begrifflichkeiten, die mich das Buch gleich weglegen lassen. Früher dachte ich oft, ich müsse die Bücher irgendwie durchschaffen, könne sie nicht einfach so beiseitelegen, aber inzwischen mache ich das öfter mal, wenn es einfach – auch situationsabhängig – nicht passt.

 

Mirjam Becker: Zugegebenermaßen lese ich so gut wie nie ein Buch nicht zu Ende, ganz gleich, ob Krimi oder nicht, selbst wenn es eines oder mehrere der genannten KO-Kriterien erfüllt, einfach weil ich wissen will, wie die Geschichte endet.

Das ging mir beispielsweise mit »Gone Girl« so, das mir wärmstens empfohlen wurde, über das ich mich streckenweise sehr geärgert habe und das ich trotzdem weiterlas. Anfangs dachte ich: Na gut, Schlaffi trifft Zicke, mal sehen, was die Autorin daraus macht. Die Sache mit dem Tagebuch habe ich (vielleicht zu) zeitig durchschaut. Fahrt aufgenommen hat der Plot dann im zweiten Teil, weil die Hauptfigur aus ihrem Konzept gebracht wurde, aber die Autorin hat mir das zu simpel und unglaubwürdig aufgelöst. Und am Ende sind sich alle Figuren irgendwie gleich geblieben, als hätten sie die Geschichte gar nicht erlebt. Natürlich können die Figuren dafür nichts, aber die Autorin hat es auch nicht vermocht, mich dafür zu interessieren, warum das so ist, und ich habe mich gefragt, warum sie die Geschichte dann überhaupt erzählt hat.

 

Kathleen Weise: »Gone Girl« ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein Buch unterschiedliche Leserreaktionen hervorrufen kann. Mich haben all die von Mirjam genannten Punkte nicht wesentlich gestört. Stattdessen war ich von der Beobachtungsgabe der Autorin beeindruckt. Sie analysiert in ihrer Geschichte bestimmte Beziehungsmuster dermaßen genau und bricht ihren Krimiplot auf eine solch alltägliche Basis herunter, dass genau daraus Spannung entsteht. Denn wenn ich als Leser glaube, die Figuren könnten so auch 1:1 in der Wirklichkeit existieren, dann muss ich mich doch fragen, wozu meine Freunde, Bekannten und Nachbarn fähig sind, wenn ich nicht hinschaue.

Ich denke, der Erfolg von »Gone Girl« begründet sich neben dem geschickten Spielen mit Wahrheiten vor allem auf dem hohen Identifikationspotenzial der Figuren.

 

Mirjam Becker: Nun, ich konnte mich mit keiner der Figuren identifizieren und kenne auch niemanden, der so agiert. Das ist vielleicht der Hauptgrund für meinen Lesefrust: das für mich gerade in diesem Buch fehlende Identifikationspotenzial. Ich fand die Beziehungsmuster überhaupt nicht gut beobachtet und empfand vieles im Plot als allzu banal und vorhersehbar.

 

»Der größte Irrglaube [...] ist der, dass die Figuren wie der Leser sein müssen [...]«

 

Kathleen Weise: Der größte Irrglaube bezüglich des immer wieder von Lesern ins Feld geführten Arguments, »man müsse sich mit den Figuren identifizieren können«, ist der, dass die Figuren wie der Leser sein müssen – ihm also in Alter, Geschlecht, sozialem Hintergrund, Interesse und Charakter ähneln müssen, damit er sich identifizieren kann.

All diese Sachen erleichtern sicher eine Identifikation, aber meines Erachtens ist es viel entscheidender, dass der Leser die emotionale Grundlage bzw. emotionale Entwicklung der Figuren nachvollziehen kann.

Sehr gut beherrscht das zum Beispiel die Autorin Minette Walters. Ihre Figuren werden oft als Unsympathen eingeführt, um dann eine Entwicklung durchzumachen, in der sich ihr Bild beim Leser ändert.

 

Grit Zacharias: Also, ich persönlich brauche diese Identifikation mit den Figuren beim Lesen gar nicht, zumindest nicht im Hinblick auf möglichst ähnliches Alter, Geschlecht, Interessen etc. Mein eigenes Leben und meine eigenen Befindlichkeiten kenne ich doch, darüber muss und möchte ich doch gar nichts lesen, um dann zustimmend zu nicken. Ich will verzaubert werden beim Lesen, möchte von mir vormals fremden Personen und Geschichten in den Bann gezogen werden.

Einer, der das bei mir mit jedem seiner Bücher schafft, ist John Irving. Seine Hauptfiguren sind, wenn man ihnen im Roman zum ersten Mal begegnet, sehr häufig Kinder. Als Hauptgrund dafür gibt Irving selbst an, dass er die Leser emotional eher überzeugen könne, wenn man sie Mitgefühl für ein Kind oder einen Teenager entwickeln ließe.

 

Kathleen Weise: Ja, er schafft eine nachvollziehbare Bindung. Auch Gillian Flynn, Autorin des oben genannten »Gone Girl«, schreibt oft über – wie sie selbst sagt – unsympathische Frauen. Dennoch schafft sie es, dass der Leser den Figuren nicht nur folgt, sondern sie auch irgendwie versteht und letztendlich mit ihnen fühlt.

Die Verbindung entsteht oft lediglich auf der Mikroebene. Die Figuren ähneln dem Leser nicht zwangsläufig, aber ihre Emotionen sind so dargestellt, dass der Leser sie nachvollziehen kann.

 

Ein Beispiel: Der Leser hatte (so hoffen wir) noch nie vor, einen Mord zu begehen. Oberflächlich betrachtet kann der Leser also einen Mörder nicht verstehen. Was passiert aber, wenn er erfährt, dass das Mordopfer (zu Lebzeiten) den Mörder jahrelang schwer emotional misshandelt hat. Ihn zum Beispiel vor Freunden bloßgestellt hat. Der Autor beschreibt dies an einer besonders eindringlichen Szene, in der der Leser automatisch Mitgefühl mit der gedemütigten Person hat – dem zukünftigen Mörder. Nun mag der Leser am Ende all dessen immer noch entscheiden, dass der Mord nicht gerechtfertigt war, aber für einen kurzen Moment bestand eine emotionale Verbindung zwischen Leser und Figur. Der Leser nimmt Anteil am Schicksal des Mörders, daraus entsteht Spannung. Er wird das Buch zu Ende lesen.

 

Mirjam Becker: Ja, dem Punkt mit der Identifikation durch Nachvollziehbarkeit stimme ich voll und ganz zu, eine Ähnlichkeit mit mir oder meiner Situation ist da nicht nötig oder sogar störend. Wenn ich jemandem begegnen möchte, der wie ich ist, schaue ich in den Spiegel … Danke für die Differenzierung! Und was du oben beschreibst, habe ich genauso im Krimi »Todespfad« von Chris Marten erlebt, da hat überdies alles gestimmt, Spannung, Perspektivwechsel zwischen den Figuren, Tempo, Lerneffekt. Durchgelesene Nächte, und keine der Figuren hatte auch nur im Geringsten etwas mit mir zu tun.

 

Hannelore Crostewitz: Das ist richtig. Und mit einem gelesenen Buch darf auch immer etwas nachwirken, die Figuren, die einen bereichern, können gern noch eine Weile mit unterwegs sein, um das »Lesefest« richtig auszukosten.

 

Die Textwache diskutiert ... im Dezember 2017
Warum brechen Leser Bücher ab?
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