Macht das Sinn oder ergibt es schon welchen? – Stolpersteine des Übersetzens bei lebendigen Sprachen

 

Darüber diskutieren diesmal (von links): Mirjam Becker, Monika Rohde, Mona Gabriel und Susanne Wallbaum.

 

Wer selbst in mehreren Sprachen liest und schreibt, weiß natürlich, dass eine Sprache auch einen Erlebnisraum abbildet und Dinge ausdrückt, die man vielleicht NUR in dieser Sprache so sagen kann. Beim Übersetzen ist hier besonderes Fingerspitzengefühl gefragt.

Nur: Geht mit einer Eindeutschung nicht auch viel vom Ursprungstext verloren? Und wie wirkt es sich auf unsere Sprache aus, wenn immer mehr Redewendungen mehr oder weniger wörtlich übernommen werden? Macht es Sinn, wenn junge Frauen heute jemanden daten?

 

Mirjam Becker: Also, diese Fragen würde ich mit einem eindeutigen „Jein“ beantworten. Macht Sinn finde ich absolut grauenhaft, das hört sich für mich einfach nur falsch an, weil es im Deutschen eben Sinn ergibt, aber E-Mails checken und jemanden daten wäre für mich okay.

Ich denke, es liegt daran, ob es für den einzelnen Ausdruck eine adäquate deutsche Entsprechung gibt oder nicht, ob man also von einem Übersetzungsfehler bzw. „falschen Freund“ sprechen muss oder ob aus der anderen Sprache eine Redewendung ins Deutsche einfließt, die es so noch nicht gab (weil es vielleicht auch den Sachverhalt noch nicht gab). Eine radikale Eindeutschung hätte meines Erachtens so putzige Folgen wie den berühmt-berüchtigten Gesichtserker, der sich ja zum Glück nicht durchgesetzt hat, und würde auch die Lebendigkeit und Adaptionsfähigkeit der Sprache leugnen.

 

 

»[...] ich bin in vielen Fällen für die Eindeutschung, da auch das Deutsche oder Eingedeutschte inzwischen viel mehr Wörter hat, als man denkt.«

 

Monika Rohde: Wenn Jugendliche ein Date haben, finde ich den Begriff in neueren Texten schon sinnvoller als zu schreiben sie treffen sich. Das Wort Date ist inzwischen eingebürgert und sagt ja auch etwas sehr Spezifisches aus, was das Wort treffen nicht unbedingt beinhaltet.

Viel schlimmer finde ich die Wendung es macht Sinn. Warum ändert man es nicht in die viel schönere Form es ist sinnvoll? So handhabe ich es zumeist.

Aber zurück zum Thema, ich bin in vielen Fällen für die Eindeutschung, da auch das Deutsche oder Eingedeutschte inzwischen viel mehr Wörter hat, als man denkt. In manchen bzw. seltenen Fällen wird man aber nicht drum herumkommen, auch mal einige Begriffe aus dem Englischen zu übernehmen. Sie sollten dann aber im Original stehen gelassen und nicht übersetzt werden, damit klar ist, woher sie kommen.

 

Mona Gabriel: Was mich viel mehr stört, ist, dass inzwischen auch im Original auf Deutsch schreibende Autoren eingedeutschte Wörter verwenden und das offenbar nicht mal mehr merken. Ein Beispiel: definierte Muskeln – da sehe ich dann jemanden vor mir, der irgendwelche Definitionen von sich gibt. Oder: Das Lächeln erreichte nicht seine Augen. Da würde ich mir von den Autoren (und natürlich auch von den Übersetzern) etwas mehr Mut zur Abweichung wünschen. Es gibt ja durchaus Formulierungen, mit denen man das adäquat ausdrücken kann.

 

 

»Wir werden diese Entwicklung nicht aufhalten (die Sprache ist lebendig und im fortgesetzten Wandel), und das sollten wir auch gar nicht versuchen.«

 

Susanne Wallbaum: Die definierten Muskeln & Co. kommen natürlich daher, dass unser Alltag durchwebt ist von Anglizismen, besonders die Welt von Shopping, Fitness und Lifestyle. Jeder, der einmal darauf achtet, sieht das (die Sale-, Beauty- und Workout-Werbeschilder etc.); nicht wenige Angehörige älterer Generationen raufen sich die Haare deswegen; die Jungen finden‘s völlig normal.

Kürzlich hat eine vom Langenscheidt-Verlag berufene Jury (der unter anderem Youtuber angehörten) das Jugendwort des Jahres 2016 gewählt: fly sein – kommt aus dem Hip-Hop-Sprech und bedeutet so was wie „richtig toll sein“ oder „abgehen“. Echte Jugendliche gebrauchen das Wort zwar wohl noch nicht, aber laut Jury wird es sich bald durchsetzen.

 

Wir werden diese Entwicklung nicht aufhalten (die Sprache ist lebendig und im fortgesetzten Wandel), und das sollten wir auch gar nicht versuchen. Aber wir haben in unserer Arbeit die Chance, hier und da etwas für den Erhalt schöner deutscher Wörter und Wendungen zu tun, indem wir sie verwenden / unseren Autoren vorschlagen.

Darüber hinaus lässt sich die anglifizierte Sprache gut zur Charakterisierung von Figuren verwenden. Sollen Jugendliche in einem Roman doch solche Wörter gebrauchen. Auch ein Mensch – eine Romanfigur – aus der Business-Welt wäre schön dadurch zu markieren, dass er sich so ausdrückt.

 

Monika Rohde: Solange er nicht dauernd dies statt das, im Jahre 2000 statt 2000 etc. verwendet, kann er das machen, also so lange er einzelne Wörter zur Nachdrücklichkeit einfügt, finde ich das in Ordnung. Nicht einverstanden bin ich dagegen, wenn unbedacht anglifizierte Satzformen verwendet werden, und zwar nicht nur im Roman, sondern leider auch häufig in Sachbüchern.

 

»Da täte ein sorgsamer Umgang mit der Sprache durchaus gut.«

 

Mona Gabriel: Besonders oft passiert das natürlich mit „falschen Freunden“. Da merkt so mancher Autor nicht, dass er gerade Unsinn schreibt. Ein Beispiel, das sich immer wieder findet – und zwar nicht nur in Übersetzungen! –, ist: XYZ realisierte etwas. Im Deutschen bedeutet realisieren noch immer „etwas umsetzen“. Trotzdem wird es oft fälschlicherweise statt „es wurde ihm etwas klar“ verwendet. Da täte ein sorgsamer Umgang mit der Sprache durchaus gut. Eine Besprechung als Meeting zu bezeichnen, stört mich hingegen weniger. Der Begriff hat sich inzwischen mehr oder weniger als Synonym durchgesetzt.

 

Susanne Wallbaum: Die Übersetzer müssen sich zunehmend entscheiden, ob sie einzelne Wörter/Begriffe überhaupt noch übertragen oder englisch stehen lassen. Sind Eltern in einem Jugendbuch beispielsweise Mum und Dad oder Mama und Papa? In Texten aus der Finanzwelt wimmelt es von englischen Termini, für die es gar keine deutsche Fassung gibt. In englischen/amerikanischen Krimis sind die Ermittler selbstverständlich Profiler, Sergeants und Detectives usw.

Häufiger treten anstelle allgemeiner Bezeichnungen (z. B. für diverse Lebensmittel) Markennamen, die aber jeweils landestypisch sein können. Das mag manch einer beklagen – andererseits holen diese Wörter uns auch ein Stück Welt herein.

Also: locker bleiben, von Fall zu Fall schauen, das Konzept/Muster des jeweiligen Textes betrachten, die Autoren ggf. vor Fehlgriffen wie in 2000 bewahren und schönen/interessanten/treffsicheren Wörtern und Wendungen eine Chance geben.

 

Mirjam Becker: Interessant finde ich, dass es auch bei dieser Diskussion letztlich um – lasst es mich boshaft ausdrücken – „Geschmacksfragen“ geht. Natürlich fußen unsere Übersetzungen bzw. Lektorate auf der Kenntnis von Rechtschreibung und Grammatik und darauf, wie ein Text „funktioniert“ (was einerseits erlernbar und andererseits unwägbar ist), aber es liegt stets an uns, Anglizismen aufzuspüren, wo andere noch denken, deutsch zu schreiben; es liegt an uns, zu wissen, wie ein Banker oder Jugendlicher spricht, um die Figur authentischer zu machen; es liegt an uns, welche Wendung wir einsetzen, um den Text treffsicherer zu machen, welche Nuancen wir einem Text geben.

Mir ist wieder einmal klar geworden, wie viel Verantwortung wir Lektoren und Übersetzer haben – nicht nur dem einzelnen Autor bzw. Text gegenüber, sondern der Sprache als solcher.

 

 

An dieser Stelle ein Hinweis auf einen ausgezeichneten Artikel von Jochen Kienbaum mit dem Titel „Moby Dick – Zwei Übersetzungen im Vergleich“, der sich detailliert mit der Frage beschäftigt, wie man einen Klassiker (und im Grunde jeden Text) richtig übersetzt. Dieser Artikel veranschaulicht sehr schön, welche Probleme sich beim Übersetzen ergeben. Empfehlenswert.


http://lustauflesen.de/moby-dick-zwei-ubersetzungen/

Die Mitglieder der Textwache diskutieren … im Dezember 2016
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